BZÖG-Kongress in Kassel 2026
"Zahnärztliche Dienste im ÖGD: Evidenzbasierte Zukunft - Vernetzung von Wissenschaft und Praxis"
Der erste ausschließlich vom BZÖG ausgerichtete Kongress fand vom 16. Bis 17. April in Kassel statt. Die fast 150 Teilnehmenden wurden von strahlendem Sonnenschein begrüßt und konnten sich auf ein abwechslungsreiches Programm freuen.
Die Einführung übernahmen A. Lange und A. Füllkrug. Sie stellten die achte hessische Querschnittsuntersuchung der 3 bis 5-jährigen Kinder des Jahres 2023/ 2024 vor. Anhand von vielen graphischen Darstellungen konnten sie zeigen, dass der Anteil naturgesunder Zahnstatus von 89% im Alter von 3 Jahren bis zum Alter der 5-jährigen auf nur noch 69% sinkt. Sie schlussfolgerten daraus, dass trotz der erzielten Fortschritte in der kindlichen Mundgesundheit weiterhin erhebliche Präventions- und Interventionsbedarfe bei Risikogruppen bestehen. Die gruppenprophylaktischen Präventionsmaßnahmen sollten gezielt und niedrigschwellig eingesetzt werden. A.Lange forderte weiterhin eine kontinuierliche, flächendeckende Datenerhebung durch den ÖGD, damit eine evidenzbasierte Steuerung der Jugendzahnpflege in Hessen ermöglicht werden kann.
Im 2. Block beschäftigte sich D. Starke mit den Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation im ÖGD. In einem sehr spannenden Vortrag gab sie einen Überblick über die laufende Digitialisierung und zahlreiche Projekte, wie z.B. die Johann-Peter-Frank Bibliothek, ÖGDconnect, etc. Aufgrund der multiplen Einsatzgebiete der KI wird es zeitnah seitens der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen die Möglichkeit eines KI-Führerscheins geben. Das Fazit dieses fesselnden Vortrags war: „Die digitale Transformation ist ein Prozess – kein Projekt.“
Den Abschluss des Vormittagsblocks bildete J. Wiemschulte mit dem Thema Lehre des Öffentlichen Gesundheitsdienstes im Zahnmedizinstudium. Der Vortrag setze sich intensiv mit der Förderung des Interesses von Studenten an wissenschaftlicher Arbeit und beruflicher Tätigkeit im Öffentlichen Gesundheitswesen. Wiemschulte kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere digitale Lehrangebote zu einer evidenzbasierten und praxisorientierten Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Ausbildung und öffentlicher Gesundheitsversorgung beitragen können.
Nach der Mittagspause begeisterte S. Zimmer das Auditorium mit seinem umfassenden Wissen rund um das Thema Fluoridanwendung speziell im Kontext Gruppenprophylaxe. Er stellte den Anwesenden umfangreiche Argumentationshilfen zur Interaktion mit Fluoridskeptikern vor. Zusätzlich ging er auf den webbasierten „Fluoridrechner“ ein, der es allen, auch Eltern und Fachpersonal, erlaubt, die individuelle, optimale Fluoridprophylaxe zu berechnen.
J. Schmoeckel setzte sich intensiv mit der Kariesdiagnostik im Kindes- und Jugendalter auseinander. In seinem interaktiv gestalteten Vortrag ging er umfassend auf neue und bewährte Methoden der Kariesdiagnostik ein.
Der erste Kongresstag wurde von R. Jordan abgerundet, der relevante Ergebnisse aus der DMS6-Studie vorstellte. Er konnte mit beeindruckenden Werten die sensationellen Erfolge der Gruppenprophylaxe seit ihrer Einführung im Jahr 1989 darstellen. Wie bereits im ersten Vortrag dieses spannenden Kongresstages wird diese Entwicklung lediglich durch die Tatsache getrübt, dass die Hochrisikogruppen immer noch die Hauptlast der Karies tragen.
Der Freitag startete mit einem bilderreichen Bericht von C. Sekondo über die Mundgesundheit bei Hochbetagten und ihren Nachkommen. Die vorgestellte Studie hebt den dringenden Bedarf an verbesserten Versorgungs- und Betreuungskonzepten für sehr alte Menschen insbesondere im privaten Umfeld hervor. Gleichzeitig zeigt sie aber auch den Einfluss intergenerationaler Faktoren auf die orale Gesundheit.
A. Lüders demonstrierte in ihrem Vortrag eindrücklich, dass lediglich ein Drittel der Bundesländer eigene Mund- und Zahngesundheitsziele definiert haben. Sie forderte den Anschluss weiterer Bundesländer zur einer effizienteren Förderung der Zahn- und Mundgesundheit.
Der letzte Block dieses überaus gelungenen Kongresses beschäftigte sich mit dentaler Vernachlässigung. M. Kollek startete mit einem Überblick über Internationale Modelle zur Identifikation und Prävention bei dentaler Vernachlässigung. Sie zog das Fazit, dass konkretere Handlungsempfehlungen vor allem für ambulant tätiges zahnärztliches Personal wünschenswert wären.
Das Thema wurde weitergeführt von P. Petrakakis, der einen spannenden Vortrag über mögliche Prävalenzschätzungen von dentaler Vernachlässigung aus GKV-Routinedaten hielt. Er empfiehlt die Etablierung bundesweiter Präventionsmodelle, die gruppenprophylaktische Angebote des ÖGD systematisch mit Versorgungsstrukturen in Praxen und Kliniken verknüpfen. Idealerweise sollte eine intensive Kooperation mit der Jugendhilfe erfolgen.
Den Abschluss bildete A. Alayli mit der Vorstellung des vielversprechenden KID-Dental Tools. Dieses Tool soll eine systematische Unterstützung bei der Identifizierung von dental vernachlässigten Kindern ermöglichen.
Mit einem ausgiebigen fachlichen und kollegialen Austausch wurde dieser wunderbare Kongress in Kassel am Freitagnachmittag bei weiterhin strahlend blauem Himmel beendet.