So kommunizieren Sie mit schwierigen Patienten im Praxisalltag!

Entscheidend für die Stressverarbeitung älterer Patienten ist der Kohärenzsinn (Sense of Coherence), geprägt durch Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Ein klinisch relevantes Problem ist das altersspezifische „underreporting“: Beschwerden werden häufig nicht aktiv geäußert, da sie als altersbedingt interpretiert werden. Umso wichtiger ist ein gezieltes Nachfragen im Rahmen der Untersuchung. Für die Praxis wurde eine klare, strukturierte Kommunikation, direkte Ansprache des Patienten sowie eine reizreduzierte Umgebung hervorgehoben. Nonverbale Aspekte wie Haltung, Blickkontakt und ruhige Abläufe tragen wesentlich zur Vertrauensbildung bei.

Dr. Ursula Simon (Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz) stellte die Relevanz der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) für die Zahnmedizin dar. Ein erheblicher Anteil der Betroffenen leidet unter ausgeprägter Zahnbehandlungsangst, was die Behandlung erheblich erschwert. Diese Angst äußert sich vor allem durch einen Kontrollverlust, insbesondere in Rückenlage, die direkte Nähe im Mund- und Gesichtsbereich sowie sensorische Reize und eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten. Für den Umgang mit akuten Belastungsreaktionen wurde ein klares Vorgehen empfohlen, das auf Reorientierung, gezielte Ansprache und Stabilisierung abzielt. Besonders vulnerable Gruppen, etwa Geflüchtete mit Gewalterfahrungen, weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für Zahnarztangst und PTBS auf. Prof. Dr. Robert Bering (Universitäten Köln und Kopenhagen) vertiefte das Thema PTBS und widmete sich der Frage, welche adjuvanten Verfahren bei der Behandlung eingesetzt werden können und für welche Patientengruppen diese besonders geeignet sind. Er betonte, dass die PTBS-Therapie ein langfristiger Prozess sei. Ergänzende Verfahren können unterstützend wirken, ersetzen jedoch keine leitliniengerechte Therapie. Hervorgehoben wurde die Bedeutung einer klaren interdisziplinären Zusammenarbeit: Zahnmedizin und Psychotherapie sollten sich sinnvoll ergänzen und ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen. Bering verwies auf die Neuauflage der PTBS-Leitlinie, in der erstmals auch zahnärztliche Aspekte berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang berichtete er, dass es im Jahr 2019 zunächst nicht gelungen sei, zahnmedizinische Belange in die Leitlinie einzubringen.

 

Dr. Thomas Eger (Bassenheim) stellte die Umsetzung traumainformierter Versorgung in der Zahnmedizin vor. Ziel ist, Retraumatisierungen zu vermeiden und den Patienten Sicherheit sowie Kontrolle zu vermitteln. Wesentliche Elemente sind transparente Kommunikation, die Ankündigung aller Behandlungsschritte und die Möglichkeit, über Stoppsignale Einfluss auf die Behandlung zu nehmen. Auch organisatorische Aspekte wie feste Behandler, verlässliche Abläufe und ausreichend Zeit fördern den Behandlungserfolg. Häufig bestehen begleitend funktionelle Beschwerden wie Bruxismus oder craniomandibuläre Dysfunktionen.

Prof. Dr. Svenja Beisel-Memmert (Universität Frankfurt) zeigte die Relevanz schlafbezogener Atmungsstörungen für die Zahnmedizin. Die Rolle des Zahnarztes liege vor allem im Screening und der Überweisung an einen Schlafmediziner, nicht in der Diagnosestellung. Screening-Tools wie der STOP-BANG-Fragebogen, die Epworth Sleepiness Scale und bei Kindern der PSQ-Score seien hierfür entscheidend. Der Goldstandard der Therapie sei die CPAP-Überdruckbeatmung. Als Alternativen nannte Beisel-Memmert chirurgische Eingriffe, den Zungenschrittmacher, die Lagerungstherapie und Unterkieferprotrusionsschienen, die jedoch nur auf Überweisung angefertigt werden sollten. Begleitmaßnahmen wie Gewichtsreduktion, Schlafhygiene, Alkoholverzicht und logopädisches Muskeltraining ergänzten das Therapiespektrum. Bei der Anwendung von Unterkieferprotrusionsschienen sei auf mögliche Nebenwirkungen wie Zahnstellungsänderungen oder Kiefergelenkbeschwerden zu achten. Take-Home Message: „If they snore, you must do more“ heraus.

Dr. Thekla Pfeiffer-Grötz (Universität Mainz) betonte die zentrale Rolle der Kommunikation im zahnärztlichen Alltag. Ein partnerschaftliches Arzt-Patienten-Verhältnis im Sinne des Shared Decision Making bildet die Grundlage erfolgreicher Behandlung. Neben strukturierten Gesprächstechniken wie aktivem Zuhören, Paraphrasieren und Zusammenfassen ist insbesondere die nonverbale Kommunikation entscheidend. Modelle wie NURSE oder Motivational Interviewing bieten praktische Unterstützung im Umgang mit Emotionen und schwierigen Gesprächssituationen.

Die AKPP-Jahrestagung 2026 verdeutlichte, dass viele Herausforderungen der Zahnmedizin an der Schnittstelle zwischen somatischen Befunden, psychischen Belastungen und Kommunikation entstehen. Traumafolgestörungen, kognitive Einschränkungen und schlafmedizinische Erkrankungen gehören dabei zunehmend zum Praxisalltag. Eine erfolgreiche Behandlung erfordert daher nicht nur fachliche Expertise, sondern auch die Fähigkeit, psychosoziale Zusammenhänge zu erkennen und in das Behandlungskonzept einzubeziehen. Zentrale Voraussetzungen sind eine klare, strukturierte und empathische Kommunikation sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Anforderungen auch die Behandelnden selbst fordern. Traumainformierte Konzepte bieten hier Orientierung und unterstützen sowohl den Umgang mit Patienten als auch die eigene professionelle Haltung.

Sie finden den vollständigen Beitrag unter www.zm-online.de

Zurück