Ist Fluorid ersetzbar?

Fluorid ist unverzichtbarer Bestandteil einer wirksamen Kariesprophylaxe.

In den vergangenen Jahren wurde das seit Langem bekannte und in Mundhygieneprodukten eingesetzte Hydroxylapatit verstärkt als Wirkstoff zur Kariesprävention und als Ersatz für Fluorid vermarktet. Andere Wirkstoffe, wie die sogenannten Self assembling peptides, Tyrosine-rich amelogenin peptide (TRAP) und neuerdings Keratin wurden neu in die Zahnmedizin eingeführt. Wie muss man diese Wirkstoffe im Hinblick auf ihre kariespräventive Wirkung bewerten?

Wirkstoffe, die nur als Additiv und die Fluoridwirkung ergänzend Mundhygieneprodukten zugesetzt werden, wie Zink, Arginin oder Xylit, sind nicht Gegenstand dieser Abhandlung.

Gründe, eine Wirksubstanz durch eine neue zu ersetzen, können sein:

  • eine bessere Wirksamkeit bei maximal gleichen Nebenwirkungen

  • geringere Nebenwirkungen bei mindestens gleicher Wirksamkeit

Bessere Wirksamkeit bei maximal gleichen Nebenwirkungen
  • Die Wirksamkeit von Fluorid in der Kariesprävention ist durch zahlreiche klinische Studien und Metaanalysen mit höchster Evidenz belegt. Zur Übersicht sei hier auf das aktuelle Positionspapier des wissenschaftlichen Beirats der Informationsstelle für Kariesprophylaxe [Zimmer et al., 2025a] sowie die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen für die Praxis verwiesen [Zimmer et al., 2025b].

  • 2024 erfolgte eine Umfrage an den 30 zahnmedizinischen Einrichtungen deutscher Universitäten unter den im Fach Zahnmedizin Lehrenden (Professorinnen und Professoren, Privatdozentinnen und Privatdozenten), die sich mit dem Thema Fluorid beschäftigen. Von den 40 Fachleuten, die teilnahmen, gaben 82,5 Prozent an, dass eine wirksame bevölkerungsweite Kariesprophylaxe ohne die Verwendung von Fluoriden nicht möglich ist. Und 100 Prozent antworteten, dass es derzeit keinen Wirkstoff gibt, der Fluorid gleichwertig ersetzen kann [Zimmer et al., 2024].

  • Aus der vorliegenden Bewertung potenzieller Alternativsubstanzen ist zu erkennen, dass es derzeit keine Substanz gibt, die Fluorid auch nur annähernd gleichwertig ersetzen könnte.

Geringere Nebenwirkungen bei mindestens gleicher Wirksamkeit

  • Fluorid wird in Deutschland seit mindestens 1895 in Mundhygieneprodukten (Tanagra Zahnpulver, Zahnpasten und Mundwasser) eingesetzt [Rohrer, 1910]. Seine Risiken und Nebenwirkungen sind daher wegen der sehr langen Nutzungsdauer von über 130 Jahren und der weltweiten Verbreitung sehr gut erforscht – und minimal. Die Risiken und Nebenwirkungen von neuen potenziellen Wirkstoffen sind weniger bis kaum erforscht.

  • Als Schwelle für eine mögliche akute Vergiftung gilt die wahrscheinlich toxische Dosis (Probably Toxic Dose, PTD). Sie liegt für Fluorid bei 5 Milligramm Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht [Whitford, 1996]. Für Gesamtmengen unter 100 Milligramm Fluorid sind aber auch bei Kleinkindern keine Vergiftungserscheinungen beschrieben [Mühlendahl et al., 1995], so dass als Faustregel gilt, dass für eine mögliche akute Intoxikation die Schwelle von5 Milligramm Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht, mindestens aber eine Gesamtmenge von 100 Milligramm Fluorid überschritten sein muss. Das bedeutet zum Beispiel, dass mit toxischen Erscheinungen zu rechnen ist, wenn ein einjähriges Kind mit circa 10 Kilogramm Körpergewicht 100 Milligramm Fluorid verschluckt. Bei einem sechsjährigen Kind, das durchschnittlich etwa 21,5 Kilogramm wiegt, wären es 107,5 Milligramm Fluorid (5 Milligramm Fluorid x 21,5). Beides entspricht etwa dem maximalen Fluoridgehalt einer Tube „Erwachsenen“-Zahnpasta (75 Milliliter mit maximal 112,5 Milligramm Fluorid). Dass ein Kind es schafft, eine ganze Tube Erwachsenenzahnpasta zu verschlucken, wurde in der Fachliteratur nach unserem Wissen bisher nicht berichtet und erscheint nahezu ausgeschlossen.

  • Beim Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen, das für die Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zuständig ist, sind von 1996 bis 2022 insgesamt 1.696 Notrufe wegen versehentlichen Verschluckens von in der Regel fluoridhaltiger Zahnpasta eingegangen. Es handelte sich fast ausschließlich um Kleinkinder. Nahezu alle Kinder waren symptomlos oder hatten nur leichte Magen-Darm-Symptome. Es gab nur einen Fall mit mehrfachem Erbrechen. Es ist nicht belegt, ob die Symptome auf Fluorid oder andere Inhaltsstoffe des verschluckten Produkts zurückzuführen waren [Schaper, 2023].

  • Nach der aktuellen Bewertung der European Authority on Food Safety (EFSA) von Fluorid in Nahrungsmitteln, im Trinkwasser und in anderen Quellen liegt die altersabhängige Fluoridaufnahme in Europa und Deutschland bei Berücksichtigung aller Quellen teilweise deutlich unterhalb der akzeptablen täglichen Aufnahmemengen [EFSA Scientific Committee und Bennekou et al., 2025]. Die in Tabelle 1 dargestellten Daten sind der EFSA-Publikation entnommen.

  • Tabelle 2 stellt einigen häufigen Behauptungen zu möglichen schädlichen Wirkungen von Fluorid die wissenschaftlichen Fakten gegenüber.

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