Der Public-Health-Index
Ergebnisse der Diskussion beim A&G-Kongress
Der AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum haben im Dezember 2025 erstmals ein umfassendes Ranking zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen veröffentlicht. Im Public Health Index, der nun alle zwei Jahre aktualisiert werden soll, belegt Deutschland Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa. In der Einzelbetrachtung der vier untersuchten Handlungsfelder landet Deutschland bei Tabak, Alkohol und Ernährung jeweils auf den hinteren Rängen, bei Bewegung im unteren Mittelfeld. Das Ergebnis ist eindeutig: Deutschland schöpft das Potenzial wirksamer Prävention bislang nicht aus und weist strukturelle Defizite in der Präventionspolitik auf. Ein besonders zugespitztes Beispiel: Während Deutschland in der Tabakprävention zu den Schlusslichtern gehört, wird gleichzeitig ab 2026 ein jährliches Lungenkrebs-Screening für Hochrisikogruppen eingeführt — ein kostenintensives Reparaturinstrument statt konsequenter, verhältnisorientierter Prävention. Die Diskussionsrunde betrachtete den Index und die daraus resultierenden Forderungen unter dem Fokus gesundheitlicher Chancengleichheit. Was könnten die vorgeschlagenen Maßnahmen bewirken? Woran scheitert es bisher? Auch Bedarfe für eine Weiterentwicklung des Public Health Indexes und der Gesundheitspolitik wurden übergreifend diskutiert: Wie kommen wir zu einer Public Health-Strategie für Deutschland?
Konsens bestand darin, dass strategische Debatten allein nicht ausreichen. Es braucht einen doppelten Ansatz: kurzfristig wirksame Maßnahmen umsetzen und parallel eine verbindliche Gesamtstrategie entwickeln, die nicht an Ressortgrenzen scheitert. Diese muss mit klaren Steuerungs- und Koordinationsbefugnissen ausgestattet sein, ihre Steuerung sollte idealerweise im Bundeskanzleramt liegen. In der Diskussion wurde deutlich, dass der oft gegen Präventionsmaßnahmen in Stellung gebrachte Vorwurf der Bevormundung einer differenzierten Betrachtung bedarf. Viele Maßnahmen, die als Eingriffe in individuelle Freiheit bezeichnet werden, eröffnen tatsächlich neue Handlungsspielräume. Prävention bedeutet in erster Linie, gesundes Verhalten überhaupt möglich und einfach und attraktiv zu machen. Denn Gesundheitsverhalten ist häufig nicht das Ergebnis freier und informierter Entscheidungen, sondern stark durch Umwelt, Preise und Verfügbarkeit geprägt. Entscheidend ist: Politische Steuerung muss konsequent an gesundheitlichen Zielen ausgerichtet werden — über Preise, Infrastruktur und Regulierung.
Zentrale Ergebnisse der Diskussion (ergänzend Zitate s.u.):
- Der Abbau gesundheitlicher Ungleichheit sollte im Zentrum der Präventionspolitik stehen.
- Gesund zu leben darf keine tägliche Kraftprobe sein — ist aber für viele Menschen in prekären Lebenslagen Realität. Maßnahmen müssen unterschiedliche Ausgangslagen systematisch berücksichtigen.
- Menschen in prekären sozialen Lagen müssen an der Entwicklung von Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen beteiligt werden. Prävention gelingt nur partizipativ.
- In der Prävention müssen individualisierte Ansätze und verhältnisorientierte Maßnahmen konsequent zusammengedacht werden — mit einem klaren Fokus auf die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebenswelten (Settings).
- Wir brauchen eine ressortübergreifende Public-Health-Strategie mit einer verbindlichen Governance-Struktur.
- Es wird angeregt, Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung, Lärm und Verkehrsgestaltung künftig im Public Health Index zu berücksichtigen.
- Steuern und Anreize sind zentrale Instrumente, um gesunde Entscheidungen nach dem Motto „Make the healthy choice the easy choice“ zu einfacheren Entscheidungen zu machen.
- Maßnahmen zur Eindämmung gesundheitsgefährdender Produkte schützen insbesondere vulnerable Gruppen (z. B. Kinder).
- Co-Benefits — etwa für Wirtschaft, Sozialstaat oder Demokratie — müssen stärker herausgestellt werden, um die politische Umsetzung zu erleichtern.
- Breite Bündnisse sind notwendig — inklusive Arbeitgebenden und arbeitgebernaher Ökonominnen und Ökonomen.
- Gesundheitsförderung ist auch Demokratieförderung. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer diversen Einwanderungsgesellschaft ist sie von zentraler Bedeutung.
- Die Public Health-Community muss stärker in den Dialog mit andersdenkenden Akteuren treten, um tragfähige Mehrheiten zu erreichen.
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Ein zentrales Hindernis bleibt die politische Kommunikation: Deutschland verfügt über ein schwach ausgeprägtes Public Health-Verständnis und über keine gemeinsame Erzählung, die Gesundheit als gesamtgesellschaftlichen Wert vermittelt. Viele Diskussionen verlaufen entlang ideologischer Linien — etwa zwischen Gleichheit und Eigenverantwortung — statt Brücken zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bauen.
Hinzu kommt: Zwar fließen im Rahmen von §20 SGB V bereits Mittel in settingorientierte Ansätze, gleichzeitig setzen die bestehenden Anreizstrukturen im Gesundheitswesen aber weiterhin stärkere Impulse für individual- und risikoorientierte Präventionsangebote (z. B. Check-Ups, Früherkennungsuntersuchungen oder biomarkerbasierte Diagnostik) als für strukturelle gesundheitsförderliche Maßnahmen. Auch das erschwert die politische Umsetzung wirksamer Prävention.
Fazit: Public Health braucht nicht nur Evidenz, sondern auch strategisch überzeugende politische Argumente.