„AOK im Dialog“: Dagmar Starke im Gespräch über Prävention
Der ÖGD am Steuer
Bei der Veranstaltung „AOK im Dialog“ der AOK Rheinland/Hamburg am 13. März 2026 in Hamburg wurde intensiv über die Zukunft von Prävention und Gesundheitsförderung diskutiert. Im Mittelpunkt stand eine Frage, die aktueller kaum sein könnte: Wie lässt sich Gesundheit nachhaltig stärken?
Schon zu Beginn machte Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, deutlich, worum es geht. Prävention und Gesundheitsförderung müssen endlich den Stellenwert bekommen, den sie verdienen. Es brauche „keine Sonntagsreden mehr, sondern Taten“ – einen echten Aufbruch.
Auch aus dem Bundesgesundheitsministerium kam ein klares Signal. Der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Georg Kippels MdB betonte, dass Lösungen nur gemeinsam entstehen können. Entscheidend sei der Austausch aller Beteiligten, um die richtigen Stellschrauben zu identifizieren und Aufgaben gemeinsam anzugehen.
Im Zentrum der Veranstaltung standen zwei Panel-Diskussionen. Zum Thema „Besser und gesünder leben in einer vitalen Kommune“ brachte Prof’in Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, ihre Public-Health-Perspektive ein. Dabei rückte sie einen wichtigen Punkt zurecht: Prävention allein reiche nicht aus. Vielmehr müssen Politik und Gesellschaft die Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen sich überhaupt um ihre Gesundheit kümmern können.
Das machte sie mit einem einfachen, aber eindrücklichen Beispiel deutlich: „Wenn ich am 20. [des Monats] kein Geld mehr habe, dann hilft mir Gesundheitskompetenz leider nicht dabei, meine Kinder zu ernähren.“ Deshalb müsse auch an soziale Gerechtigkeit gedacht und politische Determinanten stärker berücksichtigt werden. Ziel sei es, die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu stärken – und gleichzeitig, so Starke, „die Neiddebatte zu vermeiden, weil Neid unsere Demokratie gefährdet“.
Wie konkrete Ansätze aussehen können, zeigte ein Blick in den Kreis Viersen. Dort setzt man auf Austausch vor Ort – etwa in Gesundheitswerkstätten, in denen verschiedene Akteur:innen gemeinsam Lösungen entwickeln. Die Erfahrung von Gesundheitsdezernent Jens Ernesti: „Werden die richtigen Menschen zusammengebracht, entstehen Ideen oft erstaunlich schnell“.
Starke ergänzte diesen Praxisblick um strukturelle Aspekte. Sichere Wege zur Schule, ausreichend Bewegungsräume oder eine durchdachte Stadtplanung seien zentrale Voraussetzungen für Gesundheit. Gerade in benachteiligten Stadtteilen fehle es daran häufig. Prävention beginne deshalb nicht erst beim Verhalten, sondern bei den Lebensbedingungen.
Ein weiterer Schlüssel liegt für sie in der Nutzung von Daten. Kommunale Gesundheitsberichterstattung ermögliche es, die Lage vor Ort besser einzuschätzen und gezielt zu handeln. Gleichzeitig machte sie deutlich: Der Umgang mit Daten ist komplex. Die vorhandenen Informationen müssen nicht nur gesammelt, sondern auch verstanden und richtig eingeordnet werden.
Als Beispiel nannte sie die 2018 in Großbritannien eingeführte Zuckersteuer. Hier gebe es wissenschaftliche Evidenz, dass solche Maßnahmen wirken können. Daran knüpfte sie einen konkreten Vorschlag: Eine mögliche Herstellerabgabe auf Zucker könnte zweckgebunden für Prävention eingesetzt werden.
Dass für erfolgreiche Prävention ein abgestimmtes Vorgehen unverzichtbar ist, betonte auch Sabine Deutscher aus dem Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg. Für sie braucht es jedoch eine klare Steuerung. „Und das ist für mich der ÖGD. Der muss wie die Spinne im Netz in der Mitte sitzen“. Gleichzeitig richtete sie einen klaren Wunsch an die Politik. Es gehe darum, alle an einen Tisch zu holen, um gemeinsam zu prüfen, was in der Praxis wirklich umsetzbar ist – und wo es vielleicht noch hakt.
Zum Abschluss wurde deutlich: Ein breit aufgestelltes Maßnahmenpaket ist nötig. Auch Georg Kippels setzt darauf und rechnet damit, dass es noch in diesem Jahr „einen kraftvollen Aufschlag“ aus dem Bundesgesundheitsministerium geben wird.
Für Dagmar Starke ist klar, dass das Präventionsgesetz weiterentwickelt werden muss – auch wenn sie den Blick weiter fasst und eher eine umfassende Public-Health-Strategie fordert. Zudem dürfe die Finanzierung von Prävention nicht allein bei den Sozialversicherungen liegen. Prävention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und damit auch eine staatliche. Gleichzeitig warnte sie davor, einzelne Gruppen zu stark in den Fokus zu stellen und damit gesellschaftliche Spannungen zu verstärken. Prävention und Gesundheitsförderung müsse alle erreichen.
Die Diskussion zeigte eindrücklich, wie vielfältig die Herausforderungen sind – und wie konkret Lösungen aussehen können. Klar ist: Gesündere Kommunen entstehen nicht von allein. Sie brauchen Zusammenarbeit, gute Ideen – und den Mut, Dinge wirklich zu verändern.